Jetzt anrufen:
Einleitung
In unserer Serie „Akte Auswanderung: Das Interview“ blicken wir hinter die Kulissen der Instagram-Traumwelt. Heute zu Gast: Julia (29) und Marc (32) Berger.

Das Paar hat vor zwei Jahren seine gut bürgerliche Existenz in Hamburg gegen ein Leben an der Pazifikküste von Costa Rica getauscht. Im Gepäck: Tochter Lena (damals 4), zwei Laptops und der Traum vom „Pura Vida“. Was folgte, war ein Crashkurs in lateinamerikanischer Bürokratie, ein Kampf mit dem Zoll und schließlich das Ankommen im Paradies.
Das Interview
Teil 1: Der Abschied und die Logistik
Benny: Hallo Julia, hallo Marc. Danke, dass ihr euch Zeit nehmt. Wenn man euch heute sieht – braungebrannt, entspannt – könnte man neidisch werden. War der Weg dorthin so leicht, wie er aussieht?
Marc: (lacht laut) Um Gottes Willen, nein! Wenn du uns vor 18 Monaten gefragt hättest, hätten wir wahrscheinlich geheult. Es gab Momente, da saßen wir zwischen Umzugskartons in einem feuchten Airbnb und haben uns gefragt: „Was haben wir getan?“
Julia: Es sieht auf Social Media immer so leicht aus. „Kündigen und ab in die Sonne.“ Aber die Realität ist, dass du dein gesamtes Leben schredderst und neu zusammensetzt. Das tut auch weh.
Benny: Gehen wir zurück zum Anfang. Warum Costa Rica? Und warum überhaupt weg aus Deutschland?
Marc: Der Klassiker: Hamsterrad. Ich war IT-Projektleiter, Julia im Marketing. Wir hatten Geld, aber keine Zeit. Und wir waren genervt von der Stimmung in Deutschland. Alles war immer „schwierig“, alle waren gestresst. Wir wollten, dass Lena anders aufwächst. Wilder, freier, zweisprachig. Costa Rica hat keine Armee, setzt auf Öko-Strom und gilt als eines der glücklichsten Länder. Das hat uns angezogen.
Benny: Wie lief die Planung? Habt ihr alles verkauft oder eingelagert?
Julia: Das war unser erster großer Streitpunkt. Ich wollte alles behalten, Marc wollte alles verkaufen. Wir haben uns auf einen Kompromiss geeinigt, der sich als Fehler herausstellte: Wir haben einen Container verschifft.
Benny: Warum war das ein Fehler? Das fragen mich viele Mandanten: Container oder Koffer?
Marc: Wenn ich einen Tipp geben darf: Nehmt Koffer. Vergesst den Container.
Wir dachten, wir brauchen unsere Möbel, unsere Matratzen, das deutsche Werkzeug. Der Container war sechs Wochen auf See. Dann hing er drei Monate im Zoll in Puerto Limón fest. Die Bürokratie war der Wahnsinn. Wir mussten eine Liste mit jedem einzelnen Gegenstand auf Spanisch übersetzen und den Zeitwert angeben.
Am Ende haben wir fast 4.000 Dollar an Lagergebühren und Einfuhrzöllen gezahlt – für Dinge, die im tropischen Klima nach einem Jahr eh schimmeln.
Julia: Deutsche Pressspan-Möbel überleben die Luftfeuchtigkeit hier nicht. Termiten lieben sie. Wir hätten einfach mit zwei Koffern kommen und hier neu kaufen sollen.
Teil 2: Visum, Recht & Bürokratie
Benny: Ihr seid mit dem „Rentista“-Visum eingewandert. Wie lief der Prozess?
Marc: Du hattest uns ja vorgewarnt, dass wir das vor der Abreise regeln müssen. Zum Glück! Wir haben die Option mit dem Deposit gewählt. Man muss 60.000 US-Dollar auf ein Konto einzahlen, und die Bank zahlt dir dann monatlich 2.500 Dollar aus. Das gilt als „Einkommensnachweis“.
Benny: Gab es Stolpersteine?
Julia: Die Dokumente! Wir hatten Geburtsurkunden, aber die waren drei Monate alt. Die costa-ricanische Migrationsbehörde akzeptiert oft nichts, was älter als sechs Monate ist. Wir mussten also in Deutschland neue Urkunden beantragen, diese zum Regierungspräsidium zur Überbeglaubigung schicken (Apostille) und dann hier von einem offiziellen Übersetzer übersetzen lassen. Ein falscher Stempel, und du fängst von vorne an.
Benny: Ein großes Thema ist die „Caja“, die Sozialversicherung. Wie funktioniert das?
Marc: Wer eine Residencia (Aufenthaltsgenehmigung) will, muss in die Caja einzahlen. Das ist Pflicht. Das Problem: Die stufen dich basierend auf deinem Einkommen ein. Da wir beim Visum 2.500 Dollar angegeben hatten, zahlen wir jetzt rund 250 bis 300 Dollar im Monat.
Die medizinische Versorgung ist okay für Standardsachen, aber die Wartezeiten sind lang. Wir nutzen die Caja fast nie, sondern gehen zu privaten Ärzten. Das muss man als „Steuer“ für den Aufenthalt sehen.
Teil 3: Alltag, Arbeit & Geld
Benny: Marc, du arbeitest weiter als Freelancer für deutsche Kunden. Wie klappt das mit der Zeitverschiebung?
Marc: Wir sind im Winter 7 Stunden, im Sommer 8 Stunden hinter Deutschland zurück. Das ist eigentlich genial. Wenn ich um 6 Uhr morgens aufstehe (hier wird es früh hell), ist es in Deutschland schon 13 oder 14 Uhr. Ich habe also den Vormittag Ruhe für „Deep Work“, und ab 7 Uhr kann ich Calls machen, da ist in DE Nachmittag. Um 11 Uhr vormittags ist in Deutschland Feierabend. Dann habe ich den ganzen Tag frei für Strand und Familie.
Benny: Und technisch? Internet im Dschungel?
Julia: (lacht) Das war am Anfang ein Drama. Wir hatten dauernd Ausfälle. Wenn du im Zoom-Call mit einem wichtigen Kunden bist und der Strom weg ist, ist das peinlich.
Die Lösung war Starlink. Seit wir das haben, ist das Internet stabiler als in Hamburg. Und wir haben uns eine USV (Batteriespeicher) für den Router gekauft, damit das Internet auch bei Stromausfall weiterläuft.
Benny: Kommen wir zum Geld. Ist Costa Rica wirklich so teuer, wie man sagt?
Marc: Ja. Wer Billig-Urlaub sucht, muss nach Thailand. Costa Rica ist die „Schweiz Mittelamerikas“ – auch bei den Preisen.
Ein Auto ist purer Luxus. Gebrauchte Autos kosten hier 50 % bis 100 % mehr als in Deutschland, wegen der extremen Importsteuern. Ein 15 Jahre alter Toyota kostet gerne mal 12.000 Dollar.
Auch Lebensmittel im Supermarkt sind teuer, wenn man westliche Marken will. Eine Packung guter Käse? 10 Dollar.
Julia: Man lernt, anders zu essen. Reis, Bohnen, lokale Früchte, Fisch vom Fischer – das ist günstig und gesund. Aber wer Nutella und deutschen Wein braucht, wird arm. Wir brauchen als Familie sicher 3.500 bis 4.000 Dollar im Monat, um gut zu leben (inklusive Miete, Schule, Auto).
Teil 4: Immobilien & Die Schattenseiten
Benny: Ihr wohnt zur Miete. Wollt ihr kaufen?
Marc: Wir suchen gerade, aber der Markt ist verrückt. In den Hotspots wie Santa Teresa oder Nosara werden Preise aufgerufen wie in Kalifornien.
Und man muss juristisch höllisch aufpassen. Es gibt viel Land, das keinen sauberen Titel hat (Titled Property vs. Concession Land).
Gerade in Strandnähe (die ersten 200 Meter) gehört das Land oft dem Staat und man kann es nur „leasen“ (Concession). Wenn man das nicht weiß und baut, kann der Staat es theoretisch wegnehmen. Wir würden nie ohne Anwalt kaufen.
Benny: Gab es einen Tiefpunkt? Einen Moment, wo ihr zurückwolltet?
Julia: Ja, nach etwa vier Monaten. Der „Honeymoon-Effekt“ war weg. Lena hatte Heimweh nach ihren Freundinnen. Ich hatte Dengue-Fieber – das ist kein Spaß, du fühlst dich, als würden deine Knochen brechen. Und dann schimmelte auch noch unser Kleiderschrank wegen der Luftfeuchtigkeit.
Da saßen wir da und dachten: In Deutschland funktioniert wenigstens die Heizung und es gibt keine Moskitos.
Benny: Wie habt ihr das überwunden?
Marc: Durch Akzeptanz. Wir haben aufgehört, Costa Rica mit Deutschland zu vergleichen. Wir haben gelernt: Wenn der Handwerker nicht kommt, gehen wir halt an den Strand. Wir haben uns ein soziales Umfeld aufgebaut, nicht nur mit Deutschen, sondern mit Locals („Ticos“) und Amerikanern. Das Netzwerk trägt einen.
Teil 5: Fazit & Tipps
Benny: Was würdet ihr meinen Mandanten raten, die jetzt gerade anfangen zu planen?
Julia: Drei Dinge:
- Lernt Spanisch. Mit Englisch bleibt ihr immer die „Gringos“, die mehr bezahlen. Integration geht nur über die Sprache.
- Habt Puffer. Rechnet eure geplanten Kosten mal 1,5. Es kommt immer etwas Ungeplantes (Auto kaputt, Zahnarzt, Umzug).
- Probewohnen. Kauft nicht sofort. Mietet erst mal für 6 Monate in der Regenzeit (!). Wenn es euch dann noch gefällt, bleibt.
Marc: Und unterschätzt den Papierkram in Deutschland nicht. Die Abmeldung, die Kündigung der Verträge, die steuerliche Seite – das muss sauber sein. Wenn du hier am Strand sitzt und Angst vor Post vom Finanzamt haben musst, ist das kein „Pura Vida“.
Benny: Ein perfektes Schlusswort. Danke euch beiden für die Ehrlichkeit!
