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Einleitung: Zwischen Instagram-Traum und harter Realität
Island ist ein Land der Extreme. Geologisch wird es von Vulkanen und Gletschern geformt, meteorologisch von Stürmen und Dunkelheit, und gesellschaftlich von einer einzigartigen Mischung aus skandinavischer Ordnung und insularer Gelassenheit. Für viele Deutsche, Österreicher und Schweizer ist die Insel im Nordatlantik ein Sehnsuchtsort: Spektakuläre Natur, eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt und eine Gesellschaft, die Gleichberechtigung nicht nur predigt, sondern lebt.
Doch wer den Schritt wagt, seinen Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Island zu verlegen, muss mehr mitbringen als Abenteuerlust. Er muss bereit sein, sich einem System anzupassen, das klein, effizient, aber auch extrem protektionistisch ist. Island ist zwar Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und Teil des Schengen-Raums, aber es ist kein Mitglied der Europäischen Union. Dieser feine Unterschied hat juristische Konsequenzen.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Realität: Island ist eines der teuersten Länder der Welt. Ein Kaffee kostet schnell 6 Euro, ein Bier 10 Euro. Wer hier überleben will, braucht einen gut bezahlten Job und eine Eintrittskarte in das bürokratische System. Dieser Artikel dient als Ihr realistischer Fahrplan – von der Ankunft am Flughafen Keflavík bis zur vollständigen Integration in das isländische Sozialsystem.
1. Der heilige Gral: Die „Kennitala“ (Personennummer)
In Deutschland können Sie ohne Steuernummer zumindest eine Wohnung mieten oder ins Fitnessstudio gehen. In Island sind Sie ohne die sogenannte „Kennitala“ (sprich: Kenn-i-tala) faktisch nicht existent.
Die Kennitala ist Ihre nationale Identifikationsnummer. Sie besteht aus zehn Ziffern (die ersten sechs sind Ihr Geburtsdatum) und begleitet Sie ein Leben lang. Sie ist der Schlüssel zu absolut allem:
- Eröffnung eines Bankkontos.
- Abschluss eines Mietvertrags.
- Anmeldung von Strom und Internet.
- Arztbesuche.
- Bibliotheksausweis.
Das Henne-Ei-Problem:
Für Neuankömmlinge entsteht oft ein bürokratischer Teufelskreis: Um einen Job zu bekommen, fragen Arbeitgeber nach der Kennitala. Um eine Wohnung zu mieten, fragt der Vermieter nach der Kennitala. Um die Kennitala zu bekommen, müssen Sie jedoch bei Registers Iceland (Þjóðskrá) einen Wohnsitz und oft einen Arbeitsvertrag nachweisen.
Der Prozess:
In der Praxis meldet Sie meist Ihr Arbeitgeber für eine System-Kennitala (provisorische Nummer) an, damit er Sie bezahlen kann. Sobald Sie eine feste Adresse haben, wandeln Sie diese in eine reguläre Kennitala mit Wohnsitzregistrierung um.
Der nächste Schritt: IceKey und Electronic ID:
Sobald Sie die Kennitala haben, sollten Sie sofort den „IceKey“ (Íslykill) und die Electronic ID (Rafræn skilríki) beantragen (meist über die Bank). Damit können Sie sich digital bei allen Behörden einloggen und Dokumente rechtsgültig per Handy signieren. Ohne Electronic ID ist das Leben in Island extrem umständlich.
2. Aufenthaltsrecht: EWR-Bürger und die Registrierung
Dank des EWR-Abkommens genießen Staatsbürger aus DACH-Ländern das Recht auf Freizügigkeit. Sie benötigen kein Visum, um einzureisen und Arbeit zu suchen.
Die 3- bis 6-Monats-Regel:
Sie dürfen sich bis zu drei Monate ohne Bedingungen in Island aufhalten. Wenn Sie aktiv Arbeit suchen, verlängert sich dieser Zeitraum auf sechs Monate.
Die Registrierungspflicht:
Sobald Sie länger bleiben wollen (weil Sie einen Job haben oder über ausreichende Eigenmittel verfügen), müssen Sie sich beim Nationalregister (Registers Iceland) registrieren. Dies ist kein Visumsantrag, sondern eine Meldepflicht.
Sie müssen nachweisen:
- Dass Sie Ihren Lebensunterhalt bestreiten können (Arbeitsvertrag oder Bankguthaben).
- Dass Sie krankenversichert sind (dazu später mehr).
Nach der Registrierung erhalten Sie Ihre Bestätigung und sind offiziell Einwohner Islands. Nach fünf Jahren rechtmäßigen Aufenthalts erwerben Sie das Daueraufenthaltsrecht.
3. Wohnen: Der überhitzte Markt in Reykjavík
Island ist dünn besiedelt, aber 65 % der Bevölkerung leben im Großraum Reykjavík. Entsprechend angespannt ist dort der Wohnungsmarkt.
Mieten:
Wohnungen sind knapp und teuer. Für ein kleines Studio in Reykjavík müssen Sie mit 200.000 bis 250.000 ISK (ca. 1.300 bis 1.600 Euro) rechnen.
Besichtigungen laufen oft sehr schnell ab. Da das Mietrecht weniger formalistisch ist als in Deutschland, sollten Sie Verträge genau prüfen.
- Tipp: Prüfen Sie, ob Sie Anspruch auf „Housing Benefit“ (Húsnæðisbætur) haben. Dies ist ein staatliches Wohngeld, das auch Ausländern mit Kennitala und registriertem Mietvertrag zusteht, sofern das Einkommen gewisse Grenzen nicht überschreitet.
Kaufen:
Viele Isländer kaufen lieber, als zu mieten. Ausländer aus dem EWR-Raum dürfen Immobilien erwerben, sobald sie ihren Wohnsitz in Island haben. Wer noch nicht in Island lebt, benötigt theoretisch eine Genehmigung des Justizministeriums, was den Prozess als „Ferienhaus-Käufer“ erschwert.
4. Arbeiten in Island: Das Machtzentrum der Gewerkschaften
Der isländische Arbeitsmarkt ist extrem dynamisch. Die Arbeitslosigkeit ist traditionell sehr niedrig. Gesucht werden Fachkräfte im Tourismus, in der Fischerei, im Bauwesen, aber zunehmend auch im Tech- und Energiesektor.
Doch juristisch unterscheidet sich das isländische Arbeitsrecht fundamental von dem vieler anderer Länder. Es gibt in Island keinen gesetzlichen Mindestlohn, der vom Parlament beschlossen wird.
Die Macht der „Stéttarfélag“ (Gewerkschaften):
Statt eines staatlichen Mindestlohns regeln Kollektivverträge (Tarifverträge) zwischen den mächtigen Gewerkschaften (Stéttarfélag) und den Arbeitgeberverbänden die Löhne und Arbeitsbedingungen.
Diese Verträge sind faktisch Gesetz. Sie gelten für alle Arbeitnehmer in der jeweiligen Branche, egal ob sie Mitglied der Gewerkschaft sind oder nicht.
Warum Sie der Gewerkschaft beitreten sollten:
In Island ist die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft fast der Standard (die Organisationsrate liegt bei über 80-90 %).
- Lohnschutz: Die Gewerkschaft stellt sicher, dass Sie nach Tarif bezahlt werden. Das Mindestgehalt variiert je nach Branche, Ausbildung und Alter erheblich.
- Krankengeld: Der Arbeitgeber zahlt im Krankheitsfall nur für eine begrenzte Zeit den vollen Lohn. Danach springt der Krankenfonds der Gewerkschaft ein.
- Zuschüsse: Viele Gewerkschaften zahlen Zuschüsse für Weiterbildungen, Fitnessstudios oder Ferienhütten.
- Pensionsfonds: Ein Teil Ihres Gehalts (und ein Arbeitgeberanteil) fließt obligatorisch in einen Pensionsfonds (Lífeyrissjóður), der oft an die Gewerkschaft gekoppelt ist.
Die Arbeitskultur:
Isländer arbeiten viel, aber flexibel. Die Hierarchien sind extrem flach. Man duzt den Chef, und Entscheidungen werden oft pragmatisch und schnell getroffen. Englisch ist als Arbeitssprache weit verbreitet, aber wer Karriere machen oder im sozialen Bereich arbeiten will, kommt an der isländischen Sprache nicht vorbei.
5. Finanzen & Lebenshaltungskosten: Der „Island-Zuschlag“
Wer nach Island zieht, erleidet oft einen Preisschock. Da fast alle Konsumgüter importiert werden müssen, sind Lebensmittel, Alkohol und Elektronik 50 % bis 100 % teurer als in Deutschland.
Die Währung:
Die Isländische Krone (ISK) ist eine der kleinsten Währungen der Welt und daher volatil. Dies kann bei Einkommen in ISK und Verpflichtungen in Euro (z.B. Kredite in der Heimat) ein Risiko sein.
Banking:
Aufgrund strenger Geldwäschegesetze (Anti-Money-Laundering) prüfen Banken neue Kunden sehr genau.
- Sie benötigen zwingend die Kennitala und meist einen Arbeitsvertrag.
- Die Kontoeröffnung kann mehrere Termine erfordern.
- Kreditkarten sind Standard, Bargeld wird fast nie genutzt.
Steuern:
Island nutzt ein „Pay-as-you-earn“-System. Die Einkommensteuer (Staðgreiðsla) wird direkt vom Lohn abgezogen. Der Satz liegt bei ca. 31 % bis 46 % (inklusive Gemeindesteuer). Dafür sind viele staatliche Leistungen (Schule, Uni) kostenlos.
6. Gesundheit & Soziales: Die 6-Monats-Lücke
Das isländische Gesundheitssystem ist staatlich finanziert und von hoher Qualität. Es gibt jedoch eine gefährliche Lücke für Neuzuzüger.
Die Wartezeit:
Sie sind in der isländischen Krankenversicherung (Sjúkratryggingar Íslands) erst dann voll versichert, wenn Sie sechs Monate lang legal in Island gewohnt haben (gemeldet im Nationalregister).
Wie man die Lücke schließt:
- S1-Formular: Wenn Sie direkt aus einer deutschen gesetzlichen Kasse kommen, können Sie das Formular S1 (früher E104) mitbringen. Damit weisen Sie Vorversicherungszeiten nach und sind ab Tag 1 in Island versichert. Dies ist der wichtigste bürokratische Schritt vor der Abreise!
- Private Versicherung: Wenn Sie kein S1 haben, müssen Sie für die ersten sechs Monate eine private Krankenversicherung abschließen.
Kosten:
Der Arztbesuch ist nicht kostenlos. Es gibt Zuzahlungen (Komugjöld) für jeden Besuch im Gesundheitszentrum (Heilsugæsla), die jedoch gedeckelt sind.
7. Auto & Mobilität: Import ist Wahnsinn
Viele Auswanderer spielen mit dem Gedanken, ihr Auto mitzunehmen, besonders wenn es ein geliebter Geländewagen oder Camper ist.
Aus juristischer und finanzieller Sicht ist davon in 95 % der Fälle abzuraten.
Die Kostenfalle:
Beim Import eines Fahrzeugs fallen extrem hohe Abgaben an:
- Frachtkosten (Fähre Norröna oder Container).
- Einfuhrumsatzsteuer (24 %).
- Verbrauchssteuer basierend auf CO2-Ausstoß.
Für einen normalen Verbrenner übersteigt die Summe der Abgaben oft den Restwert des Wagens in Deutschland. Zudem leiden Autos unter dem isländischen Klima (Salz, Asche, Schotterstraßen) extrem.
- Ausnahme: Elektroautos waren lange Zeit von vielen Abgaben befreit, aber auch hier ändern sich die Regeln. Prüfen Sie die aktuelle Lage beim Zoll (Tollur).
Wintertauglichkeit:
Unterschätzen Sie den isländischen Winter nicht. Wer außerhalb Reykjavíks lebt, braucht oft ein Fahrzeug mit Allradantrieb und zwingend Spikereifen (Naglogdekk) im Winter. Das Fahren bei Sturm und Eis erfordert Übung.
8. Fazit & Mentalität: „Þetta reddast“
Island hat ein inoffizielles Nationalmotto: „Þetta reddast“ – das bedeutet so viel wie: „Es wird sich schon irgendwie alles regeln.“
Diese Einstellung ist für deutsche Perfektionisten oft schwer zu ertragen. Pläne werden kurzfristig geändert, das Wetter bestimmt den Alltag, und Pragmatismus schlägt Bürokratie.
Wer nach Island auswandert, tauscht Sicherheit und günstige Preise gegen Freiheit, Natur und eine gewisse Unberechenbarkeit. Juristisch ist der Weg dank EWR-Recht offen, aber die praktischen Hürden (Kennitala, Wohnungssuche, Preise) selektieren gnadenlos.
Meine Empfehlung:
Wandern Sie nicht ohne Jobangebot und nicht ohne finanzielle Rücklagen (für mindestens 3-4 Monate) aus. Kümmern Sie sich vor der Abreise um das Formular S1 für die Krankenversicherung und prüfen Sie Ihren Arbeitsvertrag, ob er den tariflichen Standards der Gewerkschaft entspricht.



